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Bundeswehr plante Chemiewaffen - Einsatz von Heinz Hammer   2 years ago

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Entgegen Dementis hat die Bundesrepublik in den 1960er-Jahren die Beschaffung und den Einsatz von Chemiewaffen geplant. Das belegen einst streng geheime Akten von Bundeswehr und US-Regierung, die NDR, WDR und "SZ" jetzt auswerten konnten.
Nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Chemiewaffen: Das hatte die junge Bundesrepublik nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges geschworen. Doch keine 20 Jahre später plante sie den Tabubruch. 1961 stieß die Bundesrepublik in streng geheimen Sitzungen der NATO eine Debatte an und forderte, nicht nur die USA sollten die Fähigkeit zur Abschreckung und Vergeltung mit C-Waffen haben. "Wir können auf solche Mittel nicht verzichten", sagte der damalige Generalinspekteur Friedrich Foertsch. Die NATO rechnete damit, dass die Sowjetunion und ihre im Warschauer Pakt verbündeten Staaten im Fall eines Angriffs rasch Chemiewaffen einsetzen würden.
Bitte um Belieferung

Wie jetzt ausgewertete Dokumente belegen, bat Bundesverteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU) 1963 die US-Regierung geheim um die Belieferung mit chemischer Munition. Das Pentagon war zunächst bereit, dem nachzukommen. Das Außenministerium aber äußerte Bedenken. "Das war eine sehr ernstzunehmende Angelegenheit", erinnert sich der damalige US-Regierungsberater und C-Waffen-Experte Matthew Meselson. "Das war ein wirklich heißes Eisen. Und nur der Präsident konnte das entscheiden." Die US-Position wurde nun grundlegend diskutiert. 1966 entschieden sich die USA schließlich gegen eine Weitergabe, ließen aber die Möglichkeit offen, Alliierten im Kriegsfall chemische Munition zur Verfügung zu stellen.
Einsatz im Ernstfall

Parallel dazu plante die Bundeswehr in einem kleinen Kreis hochrangiger Offiziere 1962 bis mindestens 1968 detailliert einen möglichen Einsatz von C-Waffen - auf Weisung des Generalinspekteurs und in Rücksprache mit Verteidigungsminister und Staatssekretären. Wie aus den NDR, WDR und "SZ" vorliegenden Dokumenten hervorgeht, schlugen die Militärs vor, 14.000 Tonnen C-Waffen für die Bundeswehr in den USA zu beschaffen und im Ernstfall durch Artillerie und Luftwaffe gegen Truppen des Warschauer Pakts einzusetzen.

1966 wurde die streng geheime "Studiengruppe ABC-Wesen" in Sonthofen gegründet. Das Expertenteam führte 1967 die Planuntersuchung "Damokles" durch, in der Gefechte mit C-Waffen-Einsatz beider Seiten in der Region um Braunschweig durchgespielt wurden. 1968 entschied Verteidigungsminister Gerhard Schröder (CDU) dann, "zunächst (...) keine Vorbereitung für eine aktive Verwendung von chemischen Waffen durch die Bundeswehr vorzusehen". Die Studiengruppe solle sich aber weiter mit dem Thema beschäftigen.
Berichte wurden immer wieder bestritten

Der ehemalige Büroleiter von Verteidigungsminister Schröder und spätere Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND), Hans-Georg Wieck, nennt die Planungen heute "plausibel und richtig, wenn ich die Bedrohung annehme". Der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Altenburg, zeigte sich mit Blick auf die Akten "sehr überrascht, mit welcher Intensität und in welcher Zeitdauer diese Dinge verfolgt wurden". Und der US-Militärhistoriker Reid Kirby spricht von einer "sehr ernsthaften Untersuchung Westdeutschlands, um chemische Waffen in seine Streitkräfte zu integrieren".
Bundesregierung und Bundeswehr hatten immer wieder vehement bestritten, den Einsatz und Besitz von Chemiewaffen zu planen. Anderslautende Berichte wiesen sie zurück, etwa aus der DDR ab 1968, von Günter Wallraff und Jörg Heimbrecht 1969/70 in der Zeitschrift "Konkret" und vom ARD-Magazin "Monitor" 1970.

Die Bundesrepublik durfte gemäß internationalen Abkommen damals C-Waffen weder einsetzen noch herstellen. Laut den Akten rechtfertigten Ministeriumsjuristen die geheimen Planungen damit, die Ausrüstung mit Giftgas, seine Lagerung, die Ausbildung im Umgang damit und ein Vergeltungsschlag mit C-Waffen seien zulässig, falls der Feind solche Waffen zuerst einsetzen und damit Völkerrecht brechen würde.

Auf Anfrage von NDR, WDR und "SZ" erklärte das Bundesverteidigungsministerium jetzt, ihm lägen zu den damaligen Planungen keine Informationen vor, da der Vorgang zeitlich zu weit zurückliege: "Heute existieren auf deutschem Boden weder in deutscher noch in Verantwortung von NATO-Verbündeten Chemie-Waffen."



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